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    Frachtbrief

    Tourenplanung digitalisieren: Wie Speditionen mit Software Leerkilometer reduzieren

    Haris Muranović · 03. Juni 2025 · 7 Min.

    In vielen Speditionen entsteht die Tourenplanung jeden Tag neu im Kopf eines erfahrenen Disponenten. Er kennt die Fahrer, die Kunden, die Rampenzeiten und die Strecken, und er baut daraus Touren, die meistens funktionieren. Das Problem ist nicht, dass diese Planung schlecht wäre. Das Problem ist, dass sie an Grenzen stößt, sobald die Zahl der Aufträge, Fahrzeuge und Restriktionen wächst, und dass niemand sagen kann, wie viel besser die Touren sein könnten.

    Gleichzeitig steigen Diesel- und Personalkosten, und jeder unnötig gefahrene Kilometer schlägt direkt auf die Marge durch. Tourenplanung Software verspricht, genau hier anzusetzen: weniger Leerkilometer, bessere Auslastung, weniger Abhängigkeit vom Bauchgefühl einzelner Personen. Die Frage für kleine und mittlere Transportunternehmen ist weniger, ob solche Werkzeuge funktionieren, sondern ab wann sich die Einführung rechnet und wie man sie ohne Betriebsrisiko angeht.

    Wo manuelle Planung an ihre Grenzen kommt

    Ein Disponent kann eine überschaubare Zahl von Fahrzeugen und Aufträgen gut im Kopf kombinieren. Aber die Zahl der möglichen Tourkombinationen wächst mit jedem zusätzlichen Auftrag drastisch, und kein Mensch kann diesen Raum systematisch durchsuchen. Manuelle Planung greift deshalb zu bewährten Mustern: feste Gebiete, feste Fahrer-Kunden-Zuordnungen, Touren wie letzte Woche. Diese Muster sind robust, aber sie konservieren auch Ineffizienz.

    Typische Schwächen zeigen sich immer wieder:

    • Leerfahrten auf dem Rückweg, weil Rückladungen nicht systematisch mitgeplant werden.
    • Ungleiche Auslastung: manche Touren sind überladen mit Stopps, andere haben Luft, weil die Gebietsaufteilung historisch gewachsen ist.
    • Kurzfristige Änderungen werfen die Planung um, und die Reparatur unter Zeitdruck ist selten die beste Lösung.
    • Wissensrisiko: fällt der erfahrene Disponent aus, fehlt das Planungswissen von einem Tag auf den anderen.

    Nichts davon ist ein Vorwurf an die Disposition. Es ist die normale Folge davon, ein kombinatorisches Problem mit Erfahrung statt mit Rechenleistung zu lösen.

    Was Optimierungsalgorithmen wirklich leisten

    Tourenoptimierung ist ein gut erforschtes Problem. Moderne Algorithmen suchen nicht die eine perfekte Lösung, sondern sehr gute Lösungen unter realen Nebenbedingungen. Entscheidend für den Praxiseinsatz ist, welche Restriktionen die Software abbilden kann:

    • Zeitfenster der Kunden, inklusive Rampenbuchungen und Anlieferzeiten.
    • Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer, damit geplante Touren auch legal fahrbar sind.
    • Fahrzeugeigenschaften wie Ladekapazität, Hebebühne, Kühlung oder Gefahrgutausrüstung.
    • Lkw-taugliches Routing: Durchfahrtsverbote, Gewichtsbeschränkungen und Höhenbegrenzungen, die ein Pkw-Navi ignoriert.
    • Reihenfolgen und Kopplungen, etwa Abholung vor Zustellung oder feste Fahrzeug-Auflieger-Kombinationen.

    Eine Optimierung, die diese Restriktionen nicht kennt, produziert Touren, die auf dem Papier kürzer sind und in der Realität scheitern. Dann korrigiert die Disposition täglich von Hand nach, und das Vertrauen in das Werkzeug ist weg. Deshalb gilt: Die Qualität einer Tourenplanungssoftware zeigt sich nicht an der Karte, sondern an der Tiefe des Restriktionsmodells und daran, wie gut sich die eigenen Sonderfälle abbilden lassen.

    Wichtig ist auch das Zusammenspiel mit dem Menschen. Gute Systeme lassen den Disponenten Vorschläge übersteuern, Touren fixieren und eigene Regeln hinterlegen. Der Algorithmus übernimmt die Kombinatorik, der Disponent behält die Verantwortung und das Kundenwissen.

    Kartentool oder echte Optimierung: die Abgrenzung

    Der Markt ist unübersichtlich, und viele Werkzeuge nennen sich Tourenplanung, obwohl sie etwas anderes tun. Eine grobe Einordnung hilft bei der Auswahl:

    StufeWas das Werkzeug tutWofür es reicht
    KartentoolStopps auf der Karte anzeigen, Route in eingegebener Reihenfolge berechnenEinzelne Fahrten visualisieren
    SequenzoptimierungReihenfolge der Stopps einer Tour optimierenKurierdienste, kleine Servicetouren
    TourenoptimierungAufträge auf mehrere Fahrzeuge verteilen und Reihenfolgen optimieren, unter RestriktionenSpeditionen, Verteilerverkehre, Flottenplanung

    Für ein Transportunternehmen mit mehreren Fahrzeugen liegt der eigentliche Hebel in der dritten Stufe: der Zuordnung von Aufträgen zu Fahrzeugen. Genau dort entstehen Leerkilometer und schlechte Auslastung, und genau das kann ein Kartentool nicht lösen. Wer nur die Stopp-Reihenfolge bestehender Touren optimiert, lässt den größten Teil des Potenzials liegen.

    Wann sich die Einführung rechnet

    Eine seriöse Antwort beginnt mit den eigenen Zahlen statt mit Herstellerversprechen. Drei Größen sollte ein Unternehmen vor der Entscheidung kennen: die aktuell gefahrenen Kilometer pro Woche, den Anteil der Leerkilometer und den Zeitaufwand der Disposition für die tägliche Planung. Wer diese Basiswerte nicht hat, kann später auch keinen Effekt nachweisen.

    Die Rechnung selbst ist einfach: Eingesparte Kilometer senken Diesel-, Maut- und Verschleißkosten, bessere Auslastung schiebt mehr Aufträge auf dieselbe Flotte, und schnellere Planung entlastet die Disposition, gerade bei kurzfristigen Änderungen. Dagegen stehen Lizenz- und Einführungskosten sowie der interne Aufwand für Datenpflege und Umstellung. Als Faustregel gilt: Je mehr Fahrzeuge gemeinsam disponiert werden und je mehr Restriktionen im Spiel sind, desto größer ist das Optimierungspotenzial. Bei sehr kleinen Flotten mit festen Pendelverkehren kann das ehrliche Ergebnis auch lauten, dass sich die Investition noch nicht lohnt.

    Pragmatischer Einstieg: ein Teilfuhrpark als Pilot

    Der größte Fehler bei der Einführung ist der Totalumstieg von einem Tag auf den anderen. Besser ist ein Pilot mit einem klar abgegrenzten Teilfuhrpark, etwa einem Verteilergebiet mit einer Handvoll Fahrzeugen. Der Ablauf in vier Schritten:

    • Daten vorbereiten: Kundenadressen geokodieren, Zeitfenster und Fahrzeugdaten sauber erfassen. Schlechte Stammdaten sind der häufigste Grund für unbrauchbare Optimierungsergebnisse.
    • Parallel planen: einige Wochen lang die Software neben der manuellen Planung laufen lassen und Touren vergleichen, ohne den Betrieb umzustellen.
    • Ergebnisse messen: Kilometer, Stopps pro Tour und Planungszeit zwischen beiden Varianten vergleichen, mit den vorher erhobenen Basiswerten.
    • Schrittweise ausrollen: erst wenn der Pilot trägt, weitere Fahrzeuggruppen umstellen und die Fahrer aktiv einbinden, denn ihre Rückmeldungen decken Restriktionen auf, die in keinem Datensatz stehen.

    Dieses Vorgehen kostet ein paar Wochen Geduld, nimmt aber das Risiko aus der Entscheidung. Am Ende steht keine Vermutung, sondern ein Vergleich auf Basis der eigenen Touren.

    Fazit

    Tourenplanung per Erfahrung funktioniert, bis Wachstum, Kostendruck und Personalwechsel sie an ihre Grenzen bringen. Software mit echter Tourenoptimierung setzt dort an, wo der Mensch nicht mithalten kann: bei der systematischen Suche nach besseren Kombinationen unter vielen Restriktionen. Entscheidend für den Erfolg sind ein Restriktionsmodell, das die eigene Realität abbildet, saubere Stammdaten und ein Einstieg über einen messbaren Pilotbetrieb statt eines Totalumstiegs. Wer so vorgeht, ersetzt die Frage, ob die Touren gut genug sind, durch einen Zahlenvergleich. Und genau dieser Vergleich zeigt dann, wie viele Leerkilometer bisher niemandem aufgefallen sind.

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