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    Aktenzeichen Zukunft

    Kanzlei-Kennzahlen: Mit welchen Zahlen sich eine Kanzlei wirklich steuern lässt

    Abdulmejd Kelil Shifa · 23. August 2025 · 6 Min.

    Viele Kanzleien werden nach Gefühl gesteuert. Ob das Jahr gut läuft, zeigt die Buchhaltung, allerdings mit Monaten Verzögerung und ohne Antwort auf die eigentlich interessanten Fragen: Welches Dezernat trägt das Ergebnis, welche Akten binden unverhältnismäßig viel Zeit, ist das Team ausgelastet oder bereits überlastet. Solche Fragen werden im Alltag aus Erinnerung und Anekdote beantwortet, und beides täuscht regelmäßig.

    Dabei ist das Problem selten ein Mangel an Daten. Kanzlei-Kennzahlen lassen sich fast vollständig aus Informationen gewinnen, die ohnehin anfallen: Zeiterfassung, Aktenanlage, Rechnungsstellung. Das eigentliche Problem ist die Auswahl. Wer zwanzig Kennzahlen definiert, pflegt nach drei Monaten keine einzige mehr. Eine Kanzleiführung braucht eine Handvoll Zahlen, die sie versteht, regelmäßig ansieht und aus denen Entscheidungen folgen. Um diese wenigen Zahlen geht es hier.

    Umsatz und Deckungsbeitrag je Akte und Dezernat

    Der Umsatz ist die naheliegendste Zahl und zugleich die am häufigsten missverstandene. Eine umsatzstarke Akte kann ein Verlustgeschäft sein, wenn sie überproportional viele Stunden bindet. Aussagekräftig wird die Betrachtung erst mit dem Deckungsbeitrag: Umsatz abzüglich der zurechenbaren Kosten, in einer Kanzlei also vor allem der eingesetzten Arbeitszeit, bewertet mit einem internen Stundensatz.

    Auf Ebene der einzelnen Akte zeigt der Deckungsbeitrag, welche Mandate sich rechnen. Auf Ebene des Dezernats zeigt er, wo die Kanzlei ihr Geld tatsächlich verdient. Diese beiden Perspektiven fallen oft überraschend auseinander: Das prestigeträchtige Rechtsgebiet trägt weniger zum Ergebnis bei als das unauffällige Massengeschäft, oder umgekehrt. Besonders bei Pauschalhonoraren ist die Gegenüberstellung von vereinbartem Honorar und tatsächlich investierter Zeit die einzige Möglichkeit, die Kalkulation zu überprüfen.

    Auslastung und Realisierungsquote

    Die Auslastung beschreibt, welcher Anteil der verfügbaren Arbeitszeit auf fakturierbare Tätigkeiten entfällt. Sie ist die zentrale Kapazitätskennzahl: dauerhaft niedrige Auslastung deutet auf fehlende Mandate oder zu viel interne Reibung hin, dauerhaft sehr hohe Auslastung auf Überlastung und fehlenden Raum für Ausbildung, Akquise und Kanzleientwicklung.

    Die Auslastung allein greift jedoch zu kurz. Zwischen erfasster Stunde und bezahltem Honorar liegt eine Strecke, auf der Wert verloren geht: Stunden werden bei der Rechnungsstellung gekürzt, Rechnungen werden beanstandet, Forderungen fallen aus. Die Realisierungsquote misst, welcher Anteil der erfassten Leistung am Ende tatsächlich bezahlt wird. Eine hohe Auslastung bei schwacher Realisierung bedeutet, dass das Team viel arbeitet und die Kanzlei wenig davon hat. Erst beide Zahlen zusammen zeigen, ob das Problem in der Menge der Arbeit liegt oder in ihrer Verwertung.

    Durchlaufzeiten: Wo Akten liegen bleiben

    Die dritte Perspektive ist die Zeit. Wie lange dauert es von der Aktenanlage bis zum Abschluss, und an welchen Stellen bleiben Akten liegen. Lange Liegezeiten haben zwei Kosten: Zum einen binden sie Kapital, weil erbrachte Leistung erst spät abgerechnet wird. Zum anderen sind sie ein verlässlicher Frühindikator für Mandantenunzufriedenheit, denn Mandanten empfinden Stillstand deutlich stärker als eine ehrlich kommunizierte Wartezeit.

    Interessant ist dabei weniger der Durchschnitt als die Ausreißer. Eine Liste der zehn ältesten offenen Akten je Dezernat, monatlich gezogen und kurz besprochen, wirkt in der Praxis stärker als jede aggregierte Statistik.

    Die Zahlen stecken schon in der Kanzleisoftware

    Für keine dieser Kennzahlen braucht es ein eigenes Controlling-System. Zeiterfassung, Aktenstammdaten und Rechnungsdaten liegen in der vorhandenen Kanzleisoftware, und die meisten Systeme bieten Auswertungen oder zumindest Exporte an. Für den Anfang genügt ein monatlicher Export in eine Tabellenkalkulation mit festem Stichtag.

    Die eigentliche Voraussetzung ist Datendisziplin, nicht Technik:

    • Zeiterfassung muss zeitnah und vollständig erfolgen, sonst ist jede darauf aufbauende Zahl wertlos.
    • Aktenanlage braucht saubere Pflichtfelder: Dezernat, Rechtsgebiet, Honorarmodell. Was hier fehlt, lässt sich später nicht auswerten.
    • Abrechnungsdaten müssen der Akte zugeordnet bleiben, damit Deckungsbeiträge je Akte überhaupt gebildet werden können.

    Wer diese Grundordnung nicht hat, sollte sie vor jeder Kennzahlendiskussion herstellen. Eine Auswertung über unvollständige Daten erzeugt Scheingenauigkeit, und Scheingenauigkeit ist gefährlicher als gar keine Zahl.

    Kennzahlen einführen, ohne eine Überwachungskultur zu schaffen

    Der häufigste Grund, warum Kennzahlenprojekte in Kanzleien scheitern, ist nicht die Technik, sondern die Wirkung im Team. Wer Auslastungszahlen als individuelles Ranking aushängt, bekommt keine bessere Steuerung, sondern kreative Zeiterfassung und ein Klima des Misstrauens.

    Bewährt hat sich ein anderer Zuschnitt. Kennzahlen werden auf Ebene von Dezernaten, Aktenklassen und der Gesamtkanzlei betrachtet, nicht als Vergleich einzelner Personen. Der Zweck wird offen benannt: Es geht darum, Engpässe zu erkennen, Honorarmodelle zu überprüfen und Überlastung sichtbar zu machen, bevor sie zu Fehlern führt. Die Zahlen werden regelmäßig gemeinsam besprochen, und das Team darf die Definitionen hinterfragen. Und in der Einführungsphase sollten Kennzahlen bewusst nicht an Vergütung gekoppelt werden, weil jede Kopplung das Messverhalten verändert, bevor die Messung überhaupt stabil ist.

    Eine Kennzahl ist ein Gesprächsanlass, kein Urteil. Wo diese Haltung gelebt wird, liefern Mitarbeiter die Daten bereitwillig, weil sie selbst von den Erkenntnissen profitieren: realistischere Planung, fairere Verteilung der Arbeit, weniger Feuerwehreinsätze.

    Fazit

    Eine Kanzlei lässt sich mit erstaunlich wenigen Zahlen steuern: Deckungsbeitrag je Akte und Dezernat, Auslastung und Realisierungsquote im Zusammenspiel, Durchlaufzeiten mit Blick auf die Ausreißer. Alle drei lassen sich aus der vorhandenen Kanzleisoftware gewinnen, sofern Zeiterfassung und Aktenanlage diszipliniert gepflegt werden. Entscheidend ist weniger die Auswahl der perfekten Kennzahl als die Regelmäßigkeit der Betrachtung und der Verzicht auf Überwachungsrhetorik. Wer monatlich dieselben fünf Zahlen ansieht und daraus Entscheidungen ableitet, steuert seine Kanzlei fundierter als mit dem umfangreichsten Berichtswesen, das niemand liest.

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